Männliche Reliquiarfigur der Ntumu

Äquatorialguinea, um 1900; Holz, Federn, Metall, Pflanzenfasern, H: 95 cm; Inv. Nr.: 70.13: 3 (T 13),

Sammlung Günther Tessmann im Rahmen der Pangwe-Expedition des Museums für Völkerkunde zu Lübeck, 1907-1909

 

Zu den bekanntesten und bedeutendsten traditionellen afrikanischen Kunstwerken in Zusammenhang mit der Ahnenverehrung zählen die Reliquiarfiguren aus den Werkstätten der Fang-Meisterschnitzer der Urwaldgebiete Südkameruns, Äquatorialguineas und Gabuns. Diese byeri genannten Figuren gehören zu aus Baumrinden gefertigten Behältnissen, in denen Gebeine und Schädelknochen von Verstorbenen aufbewahrt und zu bestimmten Anlässen – wie etwa einer Initiation – hervorgeholt werden. Auf den Rand der Behältnisse waren hölzerne Köpfe, Halb- oder Ganzkörperfiguren aufgesteckt. Sie dienten vor allem als Wächter der Ahnenreliquien. Der Glaube an die Existenz der Vorfahren nach dem Tode und ihre Beteiligung am Leben gegenwärtiger Generationen hat noch heute in weiten Teilen West- und Zentralafrikas einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Die Lebenden versichern sich der Unterstützung ihrer Ahnen durch Opfer und Ausrichtung von Festen.

 

Eine im Vergleich zu den traditionellen Figuren überdimensionale Marionette, die erst um 1900 entstand, fungierte als selbständige, von dem Knochenbehälter getrennte, wenn auch funktional gleichgestellte Figur. Ihr Auftritt vor Eingeweihten und Initianten über einem durch eine Grasmatte gebildeten Bühnenschirm gehörte zu den Feierlichkeiten der Ahnenverehrung. Diese als „Erwachsener“, bezeichnete männliche Figur mit leicht beweglichen Armen und Beinen zeichnet sich durch einen langen zylindrischen Körper mit Geschlecht, langen Armen, kurzen Beinen und einem großen runden Kopf aus. Hervorstechend am überproportionierten Kopf sind große metallene kreisrunde Augen mit einem kindlich wirkenden Gesichtsausdruck, ein durchbohrtes Nasenseptum mit Stab, ein inzwischen dünn gewordener Kinnbart und wulstige geöffnete Lippen. Ein trapezförmiges Element ist am Hinterkopf angebracht und zahlreiche Federn, von denen einige verlorengegangen sind, schmücken das Haupt. Diese in ihrer Gestaltung einmalige marionettenartige Großfigur der Ntumu, einer Gruppe der Fang, verweist auf eine Krise des praktizierten Ahnenkults.

 

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