• Harald Duwe Sonntagnachmittag (Strand), 1970/71 Öl auf Leinwand, 100 x 175 cm © VG Bild-Kunst Bonn, 2022

Die Kunsthalle St. Annen präsentiert ihre Schätze aus den 1960er und 1970er Jahren

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Im Depot der Kunsthalle St. Annen schlummern zahlreiche Schätze aus den 1960er und 1970er Jahren, die lange nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt wurden. Dies soll sich nun ändern: Ab Freitag, 22. Juli, sind in der Ausstellung „60er - 70er: Die Zukunft ist nah! Sammlungspräsentation der Kunsthalle St. Annen“ rund 50 Werke von ca. 45 Künstler:innen aus dieser Zeit zu sehen, die sich alle entweder im Besitz oder als Dauerleihgabe im Museum befinden. Präsentiert werden hauptsächlich Gemälde, beispielsweise der Künstler:innen Harald Duwe, Günter Fruhtrunk, Rupprecht Geiger, Gotthart Graubner, Gerhard Hoehme, Ernst Wilhelm Nay, Arnulf Rainer, HA Schult, Kai Sudeck, Heide Rose-Segebrecht und Günther Uecker. Ihnen gemein ist die zentrale Bedeutung von Form, Geste und Farbe. Jede:r der ausgestellten Künstler:innen experimentiert auf seine Weise, macht Vorschläge und interagiert mit und durch seine Werke. Die Schau ist bis 3. Oktober zu sehen. 

Kuratiert wurde die Sammlungspräsentation von Emma-Louise Arcade, der wissenschaftlichen Volontärin der Kunsthalle St. Annen. Als Co-Kurator fungierte der Leiter des Museums Behnhaus Drägerhaus Dr. Alexander Bastek. Prof. Dr. Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der LÜBECKER MUSEEN, freut sich über diese gelungene Zusammenarbeit: „Wir haben die Zeit bis zum Antritt der neuen Kunsthallenleiterin genutzt, um Kunstwerke im Besitz des Hauses, die lange nicht mehr ausgestellt waren, für das Publikum neu zu arrangieren. Mein Dank gilt Emma-Louise Arcade, die als junge Kunsthistorikerin die Interimsphase zur Erarbeitung ihrer ersten eigenen Ausstellung vortrefflich genutzt hat, sowie natürlich auch Alexander Bastek, der ihr als routinierter Museumsleiter mit Rat und Tat zur Seite stand.“

Im bunten Zeitgeist der 1960er und 1970er Jahre schien auch in der Kunst alles möglich zu sein. Dies spiegelt sich in der Sammlung der Kunsthalle St. Annen wider, in der sich Werke des sogenannten „Informel“ neben abstrakt expressiven sowie figürlichen Arbeiten oder auch von der Pop-Art inspirierten finden. Die Sammlungsausstellung ordnet diese Kunst jedoch nicht nach Stil oder Chronologie, sondern thematisch, weswegen sie in die vier Themengruppen „Mensch sein", „Natur", „Moderne Welt" und „Form-Farbe-Licht" gegliedert ist. Dafür schienen sich alle der genannten Künstler:innen trotz der ganz unterschiedlichen Darstellungsweisen interessiert zu haben.

Bereits im Erdgeschoss wird deutlich, dass die Kunstwerke jener zwei Jahrzehnte nach dem Wirtschaftswunder, die vor allem durch die Technisierung und Mobilität sowie der Kritik daran geprägt waren, von zukunftsgewandten Utopien, Träumen und Sehnsüchten inspiriert wurden. Während Hans Schubert in den 1960er Jahren noch vom Kubismus beeinflusste Figuren und Räume malte, Horst Skodlerrak seine kleinteiligen und kleinformatigen an der Neuen Sachlichkeit orientierten Landschaften schuf oder Klaus Kütemeier die aufrechtstehende menschliche Figur aus dem Stein schlug, befasste sich Raimer Jochims in abstrakten Bildern mit den Farben und ihrer Wirkung. Außerdem ist hier das von der Pop Art inspirierte Bild „Zwitter“ von Lambert Maria Wintersberger zu sehen, das an Plattencover oder Werbebilder der damaligen Zeit erinnert.

Im 1. Obergeschoss geht es um das „Mensch sein“ – die Auseinandersetzung mit dem Menschen und seinem Wesen, wobei die Darstellungsweisen in den beiden Jahrzehnten von figürlich bis abstrakt sein konnten. Als figurativ arbeitender Künstler ist hier beispielsweise Harald Duwe vertreten, der Lebenssituationen abbildete, die die Widersprüche seiner Zeit sichtbar machten, wie das hier ausgestellte Strandbild mit einer überbordenden Fülle an Gegenständen, die den Menschen kaum Platz zur Erholung lässt. Im direkten Kontrast dazu stehen die Werke von Kai Sudeck, der die Menschen am Strand völlig abstrahiert, farblos und melancholisch darstellte. Arnulf Rainer dagegen versucht, durch Übermalung die menschliche Psyche zwischen Wahn und Wirklichkeit abzubilden.

Ebenfalls im 1. Obergeschoss ist der Bereich „Natur“ zu finden. Vor allem das Verhältnis zwischen Mensch und Natur stand in den 1960er und 1970er Jahren im Vordergrund. Künstler:innen wie Rolf Liese, Ernst Wilhelm Nay, Johannes Jäger und Heide Rose-Segebrecht  thematisieren die Natur oder den Eingriff des Menschen in die Landschaft. Ein besonderes Werk aus der Sammlung der Kunsthalle ist das Objekt „Sutra“ des polnischen Textilkünstlers Wojciech Sadley. Das Kunstwerk aus blauem Sisal erinnert an naturhafte Prozesse, wie beispielsweise das Wachsen von Pflanzen.

„Form-Farbe-Licht“ ist einer der beiden Bereiche, die im 2. Obergeschoss auf die Besucher:innen warten. Gerade in den 1960er und 1970er Jahren bestechen viele Kunstwerke mit der zentralen Bedeutung von Form, Geste und Farbe. Im Laufe der Jahre hat die Sammlung der Kunsthalle St. Annen ihr Profil durch Ankäufe und Schenkungen, insbesondere in der Malerei, auf die informelle Kunst ausgerichtet. Bezeichnend ist hier zum Beispiel das Gemälde „476/67“ von Rupprecht Geiger, das einem leuchtenden Rot ein grelles Gelb als Energieträger gegenüberstellt, der allmählich an Intensität zunimmt. Der Interpretation sind keine Grenzen gesetzt.

Schließlich findet sich auf der gleichen Etage noch der Teilbereich der „Modernen Welt“, in dem sich die Kunstwerke mit dem durch Technik und Fortschritt beeinflussten Alltag jener Zeit auseinandersetzen. Weniger eine abstrakte Gedankenwelt als vielmehr die reale Lebenswelt aller Menschen ist hier das Thema. Dabei stehen sich exemplarisch die Positionen der Künstler Fred Thieler und Gotthard Graubner konträr gegenüber - auf der einen Seite eine hektische, laute, schnelllebige Existenz mit Farbexplosionen auf rotem Hintergrund in Thielers Werk „o.T“ und auf der anderen Seite eine Vision der modernen Welt, die mehr auf Innerlichkeit, Besinnung und Meditation ausgerichtet ist, über das Spiel mit Farbe und Licht, wie es Graubner in „Farbraumkörper“ vorschlägt. Diese beiden Werke stehen im Gegensatz zueinander und ergänzen sich symbolhaft in ihrer Sicht auf die moderne Welt, in der sich der Mensch bewegt. Auch der Mobilität kommt eine große Bedeutung zu, zum Beispiel in Stanislaw Fijalkowskis „Autobahn XXXV“ oder in Peter Klasens „Wagon Detail V“, das die Tür eines Eisenbahnwagons zeigt. Dieses Werk führt die kalte, mechanische Welt der Technik und des Transports vor Augen. Die Natur hat hier keinen Platz. In dieser ironischen Distanz unterscheidet sich Klasens Arbeit von der amerikanischen Pop-Art, die das perfekte Erscheinungsbild der Waren- und Konsumwelt in ihre Werke übernahm.

„All diese Werke lassen bei den Betrachter:innen den Eindruck zurück, dass die Zukunft sich zu jener Zeit mit aller Macht in den Alltag drängte, auch wenn sie noch hinterfragt, kritisiert und immer wieder zurückgeblickt wurde. Man hatte den Eindruck: Die Zukunft ist nah!“, erklären die beiden Kurator:innen Emma-Louise Arcade und Dr. Alexander Bastek.

Vernissage
Die Ausstellung „60er - 70er: Die Zukunft ist nah!“ wird am Donnerstag, 21. Juli um 18 Uhr eröffnet. In lockerer Atmosphäre begrüßen Emma-Louise Arcade und Dr. Alexander Bastek und geben eine Einführung in die Ausstellung. Im Anschluss gibt es unter Klängen der 1960er und 1970er Jahre einen kleinen Empfang. Die Teilnahme beträgt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, für Kinder 2,50 Euro.

Begleitprogramm
Zur Ausstellung finden öffentliche Sonntagsführungen am 24. Juli, 7. und 21. August, 4. und 18. September sowie am 2. und 3. Oktober jeweils um 15 Uhr statt.