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  • Hieronymus im Gehäuse

Gemälde „Hieronymus im Gehäuse“ ab sofort im St. Annen-Museum

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Das St. Annen-Museum konnte seine hochrangige Sammlung niederländischer Malerei um ein neues Gemälde aus Lübecker Privatbesitz erweitern: Es handelt sich um die Darstellung des „Hieronymus im Gehäuse“ von einem unmittelbaren Nachfolger des berühmten Malers Joos van Cleve, entstanden wohl im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts.
„Es ist unser Ziel, neben der hervorragenden Sammlung norddeutscher Schnitzaltäre, den Bestand an deutschen und niederländischen Malereien und damit zugleich den internationalen Rang des St. Annen-Museums zu stärken“, so Museumsleiterin Dr. Dagmar Täube. Auch die Stiftungsleitung freut sich, dass das Werk mit Mitteln aus dem Nachlass des Lübeckers Georg Bartsch erworben werden konnte.

Das Gemälde zeigt den Gelehrten Hieronymus „im Gehäuse“, also im Studierzimmer oder moderner ausgedrückt im Arbeitszimmer. Er kann anhand des Bildmotivs identifiziert werden. Diese Inszenierung ist historisch begründbar, denn Hieronymus war im 4. Jahrhundert ein gebildeter Kirchenlehrer, der die Bibel vom Griechischen ins Lateinische übersetzte. Gleichzeitig war er ein radikaler Asket, der selbst viele Jahre als Eremit in der Wüste gelebt hat. In dieser Zeit rettete er einem Löwen das Leben, indem er einen Dorn aus seiner Pfote entfernte, wie es in der „legenda aurea“ von 1270 beschrieben wird. Daher kann man ihn stets anhand seiner Attribute, dem Löwen und/oder der Kardinalsrobe erkennen. Auf dem durch das St. Annen-Museum neu erworbenen Gemälde deutet Hieroynmus mit seinem linken Zeigefinger auf einen Totenschädel, der vor ihm liegt. Bei dem Totenschädel, der heruntergebrannten Kerze, der Sanduhr und dem Kruzifix in der Bogennische handelt es sich um Vanitassymbole, also Sinnbilder der Vergänglichkeit. Spannend wird es auch, wenn man sich den Blick aus dem Fenster genauer beschaut: Dort findet man neben anderen Figuren Hieronymus ein zweites Mal, winzig im Hintergrund, in Begleitung des Löwen vor einem Kruzifix betend.

Hieronymus wird in der katholischen Kirche als Heiliger und Kirchenvater verehrt. Im St. Annen-Museum sind bereits einige Darstellungen des Heiligen vertreten, die prominenteste sicher auf dem Sonntagsflügel des Memling-Altars.

Albrecht Dürer schuf während seiner Reise durch die Niederlande 1521 den Prototypen für das ungemein beliebte Motiv des „Hieronymus im Gehäuse“, das im Anschluss zahlreiche Meister fand, die sich ebenfalls diesem Thema gewidmet haben. Alleine Joos van Cleve und seiner Werkstatt werden mindestens 13 Versionen der Darstellung zugeschrieben. Varianten existieren etwa in Lissabon (Dürer), Brüssel, Salzburg, Prag, Neapel und Cambridge. In diese Tradition lässt sich auch das Gemälde des St. Annen-Museums als eines der besonders qualitätsvollen einordnen. Es ist zwar nicht signiert, doch die Entstehung im späten 16. Jahrhundert durch die Hand eines meisterhaften Nachfolgers von Joos van Cleve wurde auch durch die Experten John Oliver Hand aus New York und Bodo Brinkmann aus Basel bestätigt.

Die neue Tafel fügt sich hervorragend in die Sammlung ein und schlägt die Brücke von der mittelalterlichen zur kulturhistorischen Abteilung des St. Annen-Museums. Nach dem Ankauf im Februar 2020 wurde das Gemälde restauriert und wird nun in neuem Glanz der Öffentlichkeit präsentiert. Es ist künftig in der „Studierstube“ im Obergeschoss des St. Annen-Museums zu sehen.